Gemischte Gefühle.

Ich bin irritiert. vergrätzt. unsicher. Ein wenig sauer. Kann das alles bisher nicht einordnen.

1.) Letzte Woche wurde ich gefragt, ob ich an einem SpieleAbend teilnehmen möchte. Fünf Personen. Vier Haushalte. Nein, danke. Natürlich nicht.

2.) Von einem Freund erfahre ich, dass sie den Samstag zu viert (Haushalte) verbringen.

3.) Andere Bekannte hocken lustig zu sechst rum.

Ich habe seit dem 1. November 2020 engeren Kontakt zu genau vier (!) Menschen. 
Die WeihnachtsWoche nicht mitgerechnet. Die drei Treffen, wo es mehr als zwei Haushalte waren, auch nicht. War unverschuldet und nur von kurzer Dauer.

Nur, weil ich es schaffe, seit über einer Woche jeden Morgen einen Apfel und eine Orange zu essen, bin ich nicht gleich Superman. Mein allgemeiner gesundheitlicher Zustand wahrscheinlich eher so Schalke 04 oder 1. FC Kaiserslautern. Raucher bin ich auch noch. Auf Corona habe ich wirklich keinen Bock.

Ich kann sagen, dass mein Respekt vor dieser Krankheit ziemlich groß ist. 

So weit die harten Fakten.

Als Erstes ist festzustellen, dass ich mit zweierlei Maß messe. 

Bei Sachverhalt 1.) und 3.) habe ich wenig Verständnis und finde es scheiße. Fremden und mir selbst gegenüber. 

Bei 2.) verhält es sich anders. Da kann ich es verstehen. Die Beteiligten sehen sich in dieser Konstellation eh oft. Sie leben in einer Stadt, in der die Pandemiebekämpfung besser zu klappen scheint, als anderswo. 

Wahrscheinlich kommt das mit zweierlei Maß daher, dass ich zu letztgenannten Leuten keinen unmittelbaren Kontakt habe.

Was die Gefahr für mich unweigerlich verringert.

Oder, weil ich es aufgrund der engeren Freundschaft emotional eher gutheiße. Was ich schwer glauben kann.

Jedenfalls bringt mich das alles dazu, mich zu fragen, ob ich zu naiv bin. Zu gesetzestreu. Zu ängstlich. Zu was auch immer.

Die Regeln gelten doch für alle, oder? Die Pandemie gibt es überall, oder?

Ich bin lost. In meinen Gefühlen.

Klar will auch ich wieder Menschen treffen. Also nicht alle. Aber schon ein paar. 😉

Dennoch. Es ist doch noch nicht vorbei, oder?

Ich werde wohl ein paar Tage brauchen, um mich zu sammeln. Die klassische Frage: bin ich “falsch”, oder die Anderen? Wobei das zu plakativ formuliert ist.

Es geht darum, wie ich meine eigenen moralischen Grenzen und Verpflichtungen und die Anderer in dieser historischen Zeit setze und wahrnehme. Für oder gegen mich. Was das mit mir macht. In Beziehung zu meinen Mitmenschen.

Julian Carax

P.S.: dieser Text soll nicht dazu dienen, jemanden zu denunzieren. Er soll lediglich beleuchten, inwieweit diese Pandemie unser aller Zusammenleben beeinflusst.

28 Kommentare zu „Gemischte Gefühle.

  1. Ich verstehe dich voll.
    Die einzigen 2 Personen mit denen ich „regelmäßig“ engeren Kontakt pflege seit November, (Weihnachten bei Mutti und Vati mal ausgenommen) sind meine Physiotherapeutin und ihr Sohn (bester Freund von meinem)
    Das wars
    Mein Verständniss für dererlei Treffen, größer 2 Haushalte, hält sich in Grenzen.
    Mein Respekt vor Corona ist bei mir leider immernoch eher Angst.

    Gefällt 4 Personen

  2. Lieber Julian, ich habe heute ähnliche Gedanken gehabt. Wie lange noch? Was darf man, kann es ewig so weitergehen? Wir treffen unsere Freunde seit Mai nicht, nur mal per Zufall auf der Straße oder verabredet zum Spaziergang im Freien mit Maske. In wenigen Tagen habe ich Geburtstag, und heute hieß es, die Restaurants dürfen mittags wieder öffnen bei uns. Ein Geburtstagsessen mit zwei Familien? Dürfen wir das, wollen wir das? Im Zweifel: Nein. Weiter durchhalten. Wir sind ja hoffentlich auf der Zielgeraden …

    Gefällt 6 Personen

  3. Egal, ob mit zweierlei Maß oder nur nach gesetzestreue Handelnd. Die Frage ist nicht, ob du falsch bist oder sonstiges. Es ist auch nicht die Frage, was andere sich denken oder auch nicht.
    Dein Empfinden ist das Maß der Dinge und nicht die anderen.
    Ja, ich weiß, es fällt unendlich schwer, sich genau davon zu trennen und zu lösen. Aber letztlich bleibst nur du.
    Schönen Abend 🍀

    Gefällt 3 Personen

  4. Um einmal hinten anzufangen: das hört sich nicht im entferntesten so an, als sollte jemand denunziert werden. Also keine Sorge diesbezüglich.

    Ich denke auch nicht, daß Du „falsch“ bist oder „zu“ irgendetwas. Du hältst Dich halt so genau wie möglich an die (jeweils gültigen und immer mal wieder umformulierten) Regeln. Sicherlich auch an die, die Dir unlogisch erscheinen oder sehr enervierend sind.

    Beobachtungen, wie Du sie machst, macht doch nahezu jede(r) von uns. Leider. Eigentlich muß man sich eingestehen, daß man manche Leute schlichtweg nicht erreicht mit den Bitten sich auch an solchen Regeln zu orientieren. Haben wir hier in Sichtweite in der Nachbarschaft, danach muß man nicht einmal suchen. Eine Familie, drei Haushalte, acht Erwachsene, eine arbeitet im Pflegebereich… Werden halt zwei Autos im Innenhof geparkt, alles gut – oder doch nicht?

    Und so lange das so ist oder bleibt und auch nicht kontrolliert/geahndet wird, verliert man allmählich diejenigen, die sich bislang an alles gehalten haben. Darin sehe ich die große Gefahr derzeit!
    Dann hangeln sich alle von Lockdown zu Lockdown, gehen zwischendurch pleite und diejenigen, die alles nicht interessiert, machen fein so weiter. Die Perspektive nervt halt einfach.

    Insofern: alles okay für Dich. Blieb gesund und halte durch!
    Beste Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    1. Danke für deinen Zuspruch.

      Ich mag deine Kommentare. Auch wenn ich vielleicht nicht immer in aller Ausführlichkeit darauf eingehe.

      Was ist aber, wenn selbst betroffene Personen sich nicht an die Regeln halten?

      Beispiel:
      Person A, Single, arbeitet in einem StartUp im OnlineUmfeld, normales Einkommen.

      Person B, Single, arbeitet in einem FriseurSalon, KurzArbeit.

      Wenn Person B auf die Regeln scheißt, empfinde ich das als nochmal schlimmer als bei Person A. Schließlich sitzen B und ich im selben Boot. Direkt betroffen. Mit am Härtesten. Trotzdem interessiert es sie nicht. Was ist da los?

      Liebe Grüße

      JCarax

      Gefällt 1 Person

      1. Danke für das Kompliment.

        Mit betroffen meinst Du betroffen vom Lockdown, nicht von Corona selbst, richtig?

        Ich denke, Person B ist entweder von Haus her ignoranter als man vermutet hat. Gehört vllt auch zu denen, die Ignoranz und Freiheit „verwechseln“. Und wie es um ihr Verantwortungsgefühl sich selbst und Anderen gegenüber bestellt ist, kann man auch nur mutmaßen.

        Und ich kann mir vorstellen, wie hart das für Dich ist, es aus der Nähe mitzuerleben. Vllt auch, weil Du B ganz anders eingeschätzt hast?

        Ebenso liebe Grüße!

        Gefällt mir

  5. Ja – das ist schon ein blöder Konflikt. Ich bin auch kein großer Prinzipienreiter – und doch denk ich mir, wenn alle so denken würden, dann gingen die Covid-Werte durch die Decke.
    Mir bleibt also nur, die Widersprüche auszuhalten.
    Mir fällt es allerdings auch nicht sonderlich schwer, die Regeln einzuhalten. Als introvertierte Vielschreiberin im Home-Office sind es für mich keine besonderen Einschränkungen.

    Ich spüre jedoch diese Beschwernis, die über allem liegt, wenn ich durch die Stadt gehe. Was mich früher nervte, das ‚fehlt‘ mit beinahe. Die herumeilenden Leute, die Plötzlich-vor-mir-stehen-Bleiber, die Dumm-Quatscher … schon seltsam ist das, wenn das Gebrumm und Gewusel nicht mehr da ist …

    Gefällt 1 Person

  6. Ich versteh das. Ich habe gleichzeitig Verständnis für die, die es nicht schaffen, sich daran zu halten, weil sie sonst emotional vor die Hunde gehen, wie kein Verständnis, wenn es nur darum geht, sich drüber hinwegzusetzen und es einfach nur um Spaß haben geht und „Scheiß auf die Regeln“.
    Corona ist eben nicht wie HIV so nach dem Motto „komm du kennst mich doch, ich hab nix“ (und trotzdem würde man vermutlich einen Schutz benutzen).
    Und wenn das die Infektionsantreiber sind, dann werde ich einfach mal pissig, weil alle drunter leiden, dass sich manche einfach nicht an irgendwelche Regeln halten können, die viel kürzer dauern würden, wenn sich alle mal kurz zusammenreißen würden. *grmpf

    Seit 1 Jahr haben wir 2x einen Kumpel getroffen, wobei getroffen sich auf Roadtrips zu unserer Therapie begrenzte, unsere beste Freundin für 3 Tage hier gehabt und unseren Mann.
    Mehr is nich. Ach nee und zweidreimal im Sommer, als alles noch ganz gut aussah. Aber eben: Open Air.
    Abgesehen von Therapie und Probatorik und ein paar Taxifahrer.
    Wir sehen sonst auch relativ selten Leute aber ey….ob wir emotional vor die Hunde gehen oder nicht, danach kräht kein Hahn. Nicht mal wir selbst. Ist eben so. Kannste machen nix.

    😦

    Gefällt 2 Personen

    1. „Ich habe gleichzeitig Verständnis für die, die es nicht schaffen, sich daran zu halten, weil sie sonst emotional vor die Hunde gehen“
      Ja natürlich. Völlig klar. Sehe ich genauso.

      Bei meinem drei Beispielen war bzw ist das nicht der Fall. Dieser Umstand hat mein Gefühl des Unverständnis mega potenziert. Richtig richtig uncool.

      passt auf euch auf!

      JCarax

      Gefällt mir

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