Geschichten von der anderen Seite der Bar (4).

Ich steh an der Kaffeemaschine. Auf der einen Seite der Theke. Es hat sich gerade ein wenig gefüllt. Wir müssen zu zweit mal kurz einen Gang hoch schalten. Kein Problem.

Am anderen Ende des Raumes nehme ich eine Bewegung wahr. Ich schaue. Nervöses bis hektisches Winken eines Gastes. Ich gehe hinter der Theke ein Stück in Richtung des Tisches. Sage, dass jemand in zwei Minuten da ist.

20 Sekunden später. Schnipsen. Mit den Fingern. SCHNIPSEN. Gleicher Tisch.

Ich schlucke meinen Hass auf Gäste gedankenschnell runter. „Ich bin in zwei Minuten da.“, erwidere ich erneut. Sogar auf Englisch. Mit Geste. Meinen Gast-Hass hört man noch raus. Dezent.

Meine Kollegin, die plötzlich neben mir steht: „Taubstumm!“
Ich höre sie aber schon gar nicht mehr. Also ich höre, was sie sagt. Es kommt nur nicht an. Bei mir.
Geringfügig später ist meine Kollegin an besagtem Tisch. Die Gäste bezahlen. Alles gut.

Ich bin aber immer noch mit meinem Hass beschäftigt. Selbstredend ist dieser schon in allgemeinen Hass auf Menschen umgeschlagen. Das wird bemerkt. Von meiner Kollegin. „Was regst du dich so auf? Das waren Taubstumme!“

Gäste, welche einen ran rufen bevor sie überhaupt wissen, dass sie in einem Restaurant sind, hätten meinen Hass verdient. Gäste, welche ohne Begrüßung und ohne „Bitte“ und „Danke“ bestellen, hätten meinen Hass verdient. Ich könnte ewig so weiter machen.

In dem Moment hasse ich meinen fehlgeleiteten Hass.

Sorry.

Julian Carax

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