Geschichten von der anderen Seite der Bar (5).

Als Er sich das erste Mal an die Theke setzte, musste ich mehrmals hinsehen. Ist Er nicht! Oder doch? Nein! Aber ähnlich sieht Er ihm schon!

Er kommt regelmäßig unregelmäßig. Nie am Wochenende. Nie vor 20:30 Uhr. Immer alleine. Immer an die Theke. Immer der gleiche Gesichtsausdruck.

Drei kleine „Beck’s“ aus der Flasche und zwei „Vodka-RedBull“. Der Standardabend. Nur einmal habe ich Ihn mehr trinken sehen. Eine Gruppe Menschen, die mit dem Herz am rechten Fleck, welche Lust auf das Leben hatte. Sie soffen. Irgendwann war Er mit am Tisch von denen. Sie hatten Spaß. Ich auch. Ein Abend aus der Reihe.

Bis auf ein Hallo und einem Alles gut?, gefolgt von einem einfachen Kopfnicken als Bestätigung, existiert kaum weitere verbale Kommunikation zwischen uns. Sie muss auch nicht existieren. Sobald der Boden seiner „Beck´s“-Flasche nur noch mit einem Spuckschluck bedeckt ist, bekommt Er wortlos eine Neue. Nach der Pflicht folgt die Kür. Vodka statt Bier. Alkohol im Bauch.

Er sitzt da. Beobachtet. Starrt aber nicht. Das mache ich auch. Nur von der anderen Seite der Bar. Was Er denkt, ob Er denkt, wenn ja, woran Er denkt, weiß ich nicht. Will ich nicht wissen. Will ich nie wissen. Die Möglichkeiten, was Er erzählen könnte, sind nicht abzuschätzen. Es könnte alles sein. Nur ein kleines Bisschen wäre zu viel. Ist zu viel.

Ich schätze Ihn für seine Diskretion.

Zu oft kenne ich, schon vor dem Bestellen des ersten Getränks, bereits die halbe Lebensgeschichte der Gäste. Muss nicht sein. Wirklich nicht. Ich kann bestimmt vielen Menschen im Rahmen meiner Arbeit etwas vorspielen. Muss ich auch. Mehr aber nicht. Für tote Katzen oder andere Haustiere habe ich nun mal keine Empathie. Auch nicht für offensichtlich behinderte Kinder, welche nach einem Freigetränk fragen. Weil ich ja Geburtstag habe. Nein. Gibt es nicht. Ich gehe an meinem Geburtstag ja auch nicht in einen Waffenladen und frage, ob ich eine Knarre haben darf. Weil ich ja Geburtstag habe. Kopfschuss.

Er will kein Gespräch. Er will sein. Ansonsten hätte Er bestimmt schon mal einen Versuch gewagt. Chancen hatte Er genug. Und ja, ich bin mir sicher, dass Er sprechen kann und nicht taubstumm ist.

Meistens bleibt Er bis zur letzten Runde. Manchmal auch ein wenig länger. Bezahlt immer bar. Freut sich, wenn Er was auf’s Haus bekommt. Sagt Danke.

Er ist es nicht. Und ich verspüre schon lange keine Lust mehr, ein Grönemeyer-Lied zu spielen, wenn Er in den Laden kommt. Den Joke – in dieser oder anderer Form – haben bestimmt schon Tausende gebracht. Langweilig.

Julian Carax

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