Mitten in Europa.

Der CoronaTest ist negativ und der Rucksack gepackt.

Um drei Uhr Nachts klingelt der Wecker. Ich mache mich auf den Weg. Die Ubahn ist voll. Mit Menschen. Sie kommen vom Feiern. Ein komisches Gefühl. Ungewohnt. Surreal.

Pünktlich um vier Uhr kommen unsere drei vollgepackten Transporter ins rollen. Ein Bekannter hat den Trip organisiert. Er war schon zweimal vorher an der Grenze.

Meinen Mitfahrer kenne ich noch nicht. Es ist quasi ein BlindDate. Spoiler: wir werden uns die gesamten 22 Stunden über sehr gut verstehen.

Und so fahren wir dem SonnenAufgang entgegen.

Der Tag beginnt.

Der Start ist holprig.

Kurz vor der polnischen Grenze stoppt uns die Polizei. Da wir alle verschiedene Kennzeichen haben, checken sie nicht, dass wir zusammen gehören. Nach einer kurzen Erklärung dürfen wir schnell weiter.

Gleich nach der Grenze das nächste Ding. Eine Baustelle. 60 Kilometer lang. Einspurig. Bei 80 Kmh. Wir hängen hinter einem LKW fest.

Die KontrollLeuchte fürs Öl blinkt auf.

Zweimal müssen wir an einem Parkplatz halten. Unser ÖlStand ist zu hoch. Und Öl abfließen lassen ist deutlich komplizierter als es nur nachzufüllen. Eine Werkstatt hat auch noch nicht auf. Und so versuchen wir unser Bestes. Mit dem Ölmessstab müssen wir eine nicht unerhebliche Menge aus der ÖlWanne „abschöpfen“.

Letztendlich trennt sich unser Konvoi relativ früh und wir fahren alleine weiter.

Was wir zu diesem ZeitPunkt noch nicht wussten: Es bleibt bei diesen Problemchen und der Rest der Tour läuft (fast) wie geplant.

Gegen 13:30 Uhr kommen wir in Przemyśl an. Einer Stadt 25 Kilometer vor der ukrainischen Grenze.

Auf dem Parkplatz vor einem Einkaufscenter können die Hilfsgüter abgeladen werden. Im Center selbst registriert man sich als Fahrer für die Flüchtlinge.

Die Organisation auf diesem Parkplatz wirkt noch nicht ganz ausgereift. Die Berge an Klamotten liegen teilweise einfach so offen rum. Es fehlt an Infrastruktur. Kein Wunder. Niemand war vorbereitet.

Wir treffen unsere Mitstreiter wieder und laden unseren Transporter aus. Die Anderen wissen schon wo alles hinkommt.

Die Bilder, die ich aus dem Fernsehen von solchen Orten bis jetzt kenne ähneln nicht dem was ich wahrnehme. Viele Flüchtlinge kann ich nicht ausmachen.

Dafür beschleicht uns das Gefühl, dass sich an den Spenden dann doch einige Polen bedienen. Ein komischer Beigeschmack.

Wir beobachten das Treiben noch ein wenig. Während wir uns mit einer warmen Mahlzeit stärken.

Es sind viele Menschen gekommen. Um zu helfen. Auf der Fahrt dahin und auf dem Parkplatz sehen wir Autos aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Spanien, der Schweiz, Österreich, Schweden, Tschechien und Großbritannien.

Europa ist noch nicht verloren.

Nach unserer Pause machen wir uns zur Grenze auf. Mein Mitfahrer hat einen direkten Kontakt zu einer Familie, welche wir mit nach Berlin nehmen sollen. Es sind Freunde einer Arbeitskollegin.

Die anderen beiden Transporter fahren zu einem anderen GrenzÜbergang.

An der Grenze angekommen, herrscht irgendwie eine komische Stimmung. Auch wenn hier nicht so vielen Menschen sind wie gedacht. Was uns wundert.

Der GrenzÜbergang.

Die flüchtenen Menschen kommen in kleineren Gruppen über die Grenze. An die sie wohl mit Bussen gebracht worden sind. Das Camp welches hier aufgebaut ist, wirkt besser organisiert.

Wir sortieren uns. Sagen einem Leiter vor Ort Bescheid, dass wir noch freie Plätze nach Berlin haben.

Dann kommt unsere Familie auch schon an. Eine Mutter und ihre zwei Kinder. Sie scheinen ok zu sein. Mit Hilfe des GoogleÜbersetzers verständigen wir uns. Die Mutter fragt noch rum, ob jemand mitkommen möchte in Richtung Berlin. Sie findet niemand. Genauso wie der Leiter, den wir angesprochen hatten.

Das ist auf eine Weise ernüchternd.

Wir machen uns auf den Weg nach Berlin. Diesmal dem SonnenUntergang entgegen.

FarbenSpiel auf den Weg zurück.

Was bleibt für mich?

Es war das erste Mal, dass ich mich in dieser Art beteiligt habe. Wir haben drei Menschen an einen sicheren Ort gebracht. Obwohl es mehr hätten sein können. Vielleicht war es dem geschuldet, dass wir an einem Samstag gefahren sind und mega viele Menschen unterwegs waren. Das wäre das Beste. Vielleicht waren wir aber auch am „falschen“ Ort. Daher muss und werde ich mich bei zukünftigen Aktionen im Vorfeld noch besser informieren. Um das Maximale rauszuholen.

Die Organisation und das Schaffen einer funktionierenden Infrastruktur für das Sammeln und verteilen von Hilfsgütern ist ein enormer Aufwand. Da kann innerhalb von zwei Wochen nicht alles perfekt laufen. Und selbst wenn sich ein paar polnische Mitbürger an den Spenden bedient haben, kommt das Meiste bei den flüchtenden Menschen an.

Nicht alle Spenden sind sinnvoll. Auch wenn sie gut gemeint sind. In Zukunft werde ich dazu übergehen Geld zu spenden. Den Hilfsorganisationen hilft das unter Umständen mehr. Wenngleich Sachspenden immer wichtig bleiben.

Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling. Wir kennen alle die Bilder von den Menschen, die seit Tagen und Nächten unterwegs sind. Müde. Durchgefroren. Hungrig. Auf unsere Familie traf das nicht zu. Sie hatten was das angeht „Glück“. Aber deshalb sind sie nicht weniger Flüchtling. Um das zu verstehen, habe ich die ganze Rückfahrt gebraucht.

Am Sonntag kommt die Meldung, dass ein militärischer Stützpunkt nahe der polnischen Grenze bombardiert worden ist. Keine 30 Kilometer von dem Ort entfernt an dem wir die Familie abgeholt haben.

Mit einem Mal ist der Krieg noch näher an mir dran. Nicht nur geografisch. Auch mental.

Julian Carax

17 Kommentare zu „Mitten in Europa.

  1. Manchmal denke ich:
    Lieber unvollkommen helfen,
    als vollkommen hilflos sein.
    Aber Dein Bericht gibt gute Hinweise. Zum einen darin, worauf man sich einstellen sollte (was los ist), und zum anderen, wie man sich vorbereiten sollte (welche Handlungen individuell sinnvoll sind).
    Mit Deinem Bericht kommt man gefühlt und mental der Realität näher. Auch die deutschen Medien zeigen eher „fesselnde“ Bilder. Aber: Das schmälert den Wert solcher Einsätze in keiner Weise.
    Ich denke, besser es verläuft so ruhig wie Euer Einsatz, als dass man dem Krieg zu nahe kommt.
    Vielen Dank für Deinen Einsatz und Deinen Bericht
    👍🙏💚

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank.

      Letztendlich kann man diesen Bericht durchaus auch als eine gewisse Anleitung nehmen wie man es nicht unbedingt machen sollte. Siehe auch die berechtigte Kritik von Valentin: https://caraxvannuys.blog/2022/03/17/fuersorgliches-und-wichtiges-in-sachen-ukrainehilfe/

      Ich hätte mich definitiv vorher besser informieren und einbringen sollen. Was das nächste Mal auch passieren wird. Selbst wenn ich mich nur als Fahrer zur Verfügung stelle.

      Liebe Grüße.

      JCarax

      Gefällt 1 Person

      1. Am Ende gilt leider: Absolut richtig kann man es nicht machen – gleich worum es geht. Aber man kann versuchen, die Folgen der unvermeidbaren Fehler zu minimieren.
        In diesem Sinne wünsche ich Dir und allen Mitstreitern ein gutes Gelingen für den nächsten Einsatz.
        👍🙏🍀

        Gefällt 2 Personen

    1. Das kann und ich will ich so nicht bestätigen. An dem GrenzOrt, wo wir die Familie abgeholt haben, waren definitiv Organisationen vor Ort. Meines Erachtens waren diese aber auch ein wenig überfordert mit den vielen PrivatPersonen. Das überfordert ist in diesem Zusammenhang nicht negativ gemeint. Eher so, dass es schwierig war für sie das zu organisieren. Das hätte im Vorfeld passieren müssen und nicht erst vor Ort. Gerade weil es ja auch unzählige Berichte über MenschenHändler gibt, welche diese Situation ausnutzen.

      JCarax

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s