Früher Amaretto Sour und noch früherer, vergrätzter Monolog.

Gelegentlich ist Day Drinking nett, sofern der Konsum alkoholischer Getränke um 17:45 noch unter diesen Begriff fällt.

Fast Abend, möchte man meinen. 😇

Jedenfalls hatten Wolf und ich vorhin beide Hunger, wollten unsere Mägen – im Gegensatz zu gestern – wieder in aller Ruhe zusammen füllen, und während unsere Farfalle vor sich hin köchelten, meinte er:

„Hm, heute habe ich Lust auf Alkohol.“

„Was schwebt dir denn vor?“

„Vielleicht ein Weißwein…“

„Dann mixe ich mir selbst einen klassischen Amaretto Sour.

„Oh, machst du dann ein wenig mehr, damit ich einen Shot davon mittrinken kann?“

UND SO GESCHAH ES. 🐺🍷🍹🐱

Vorher allerdings, und somit vollkommen klaren Kopfes, konnte ich es mir nicht klemmen, einen (weiteren) grimmigen Real-Life-Monolog über die gewaltrelativierenden Äußerungen des Spontanübernachters loszulassen.

„Ich hasse es, dass es meistens sogar geradezu *reflexartig* heißt, man müsse ja die Seite des Täters oder der Täterin mitbetrachten, und dass das Verhalten der geschädigten Partei sicherlich auch zur Tat beigetragen habe…“ 🐙

„Ja!“, stimmte Wolf meinem angepissten Vortrag zu. „Ich bin da doch. wirklich. völlig. bei dir, V.! Opferschutz sollte immer an erster Stelle stehen!“

EHRLICH. WIE SCHWER KANN ES SEIN. 🙄

Erinnerungsmäßig ebenfalls nie abschütteln werde ich den Moment, als ich mit syrischen Geflüchteten (= zu dem Zeitpunkt bereits gute FreundInnen des Grillplattenfreundes und mir) auf einer Berliner Demo gegen das diktatorische Regime von Baschar al-Assad mitlief.

Eine gute Veranstaltung mit wertvollen Redebeiträgen, bis eine ältere Dame in ihrem Vortrag erzählte, „wir sollten nun alle nicht vergessen, den kleinen, armen Jungen Baschar mit zu betrauern“. 😱

Alle unsere syrischen FreundInnen hatten – abgesehen von fast ihrem gesamten Eigentum und ihrer Heimat – gleich diverse geliebte Angehörige in den Foltergefängnissen des Assad-Regimes verloren.

Natürlich war ihr erster Gedanke, den Haupttäter und Hauptverursacher ihres Leids mit zu beweinen. *NICHT!!!* 💀

Ehrlich. Ich bin überfragt, was sich besagte ältere Dame und ähnlich tickende Personen denken. Oder, ob sie überhaupt denken.

Eine solche Aufforderung unverblümt an massenhaft heimatlos gewordene (= und anwesende) Betroffene zu stellen, die höchstwahrscheinlich niemals erfahren werden, wo *und auf welche Weise* ihre Liebsten verschwunden sind…

WOW. 😟

Die syrischen FreundInnen und ich kehrten an jenem Tag jedenfalls irritiert bis fassungslos und mit Bauchweh in unsere Berliner Wohnungen zurück. Und ich verbleibe bei so täterfreundlichen, regelrecht *täterfixierten* Aussagen bis heute irritiert bis fassungslos.

Was man vortrefflich daran erkennt, dass ich inzwischen den dritten Blogartikel in Folge darüber verfasse. So: eins, zwei und jetzt. 🤔

Man muss Täter wie Baschar al-Assad und Putin nicht betrauern.

Die Trauer gehört vielmehr den Betroffenen und den Toten.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine angenehme Nacht, obwohl ich selber unverändert vergrätzt bin.

Bis ganz bald! 🌸

VVN

P.S.: auch zum dritten Mal in Folge gibt es beim Wolf und mir grünes Essen. Spinatknödel, Spinat-Fischfilet und (= seit eben) neue Edamame. Wie schon diesen Februar mit Meersalz und zerlassener Butter.

6 Kommentare zu „Früher Amaretto Sour und noch früherer, vergrätzter Monolog.

  1. 17.45 ist kein Day Drinking, sondern perfekte Aperitivo-Zeit. 😎
    Lieber Valentin, die Relativierung durch Kommentare wie „Na die haben aber (vielleicht) auch …“ nervt mich auch gerade dermaßen und ich genieße jeden Text wie deinen hier und jedes Gespräch mit Menschen, die Ursache und Hintergründe nicht aus dem Auge verlieren. Ein guter Kollege im Büro ist auf meiner Wellenlänge, wir reden oft in der Kaffeepause und zum Schluss sage ich immer: Mir musst du das doch nicht erklären, ich sehe es doch genauso. Und er grinst, denn er weiß das ja, aber er argumentiert gern und es tut immer einfach nur gut.
    Komm entspannt ins Wochenende, mit oder ohne Alkohol! 😉 Saluti da Italia!

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    1. Aperitivo! Ja, da hast du natürlich Recht, liebe Anke! 🌸

      Das mit dem Relativieren beschäftigt mich aus GRÜNDEN (TM) immer sehr. Insofern bin ich herzensfroh, dass es zum Ausgleich Rückmeldungen wie deine hier gibt, und Menschen, die mich/uns verstehen. 🌞

      Natürlich ist es *später* auch durchaus wichtig, die Motive des Gegenübers begreifen zu wollen, allein der zukünftigen Gewaltprävention halber… Doch ein unmissverständlich-klares Zeichen der Solidarität mit der geschädigten Partei sollte, meiner tiefen Überzeugung nach, eben *grundsätzlich* höchste Priorität haben. 😟

      Außerdem gibt es für mich einen extremen Unterschied zwischen: „Ich versuche zu kapieren, wie es zu einer Tat kam und bin dennoch zu 100% bei den Betroffenen.“, und: „Ich erkläre eine Tat mit Gründen XYZ und entschuldige sie dann im selben Atemzug damit.“ 🤔

      Letzteres geht eben nicht. So gar nicht.

      Nun, ja. Mögest du entspannt in die Woche gekommen sein, mit oder ohne Regen! 😉

      VVN

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  2. Danke, lieber Valentin für deine ausführliche Antwort. Da sind wir auf derselben Linie.

    Und ja, ohne Regen. Ganz entspannt wars nicht, aber alles Pillepalle im Vergleich zum Weltgeschehen. Da, in diesem Kontext, tut Relativieren gut, seinen kleinen Stress nicht so wichtig zu nehmen.
    In diesem Sinne vielen lieben Dank und eine gute Woche auch für dich/euch! 🌞 Anke

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