Dünnsein und Kontrolle.

Vielleicht kennt ihr das: schriftstellerischen Themen-Overkill. Ich möchte davon berichten, wie sehr ich den Politik-Wolf feiere, der in all seinen (Messenger-)Gruppen: „Stop!“ ruft, sobald jemand auch nur annähernd mit rechtspopulistischem Scheiß um die Ecke kommt, und der sich gestern gegenüber einer befreundeten Lehrerin ausgiebigst über die LeugnerInnen von Ritueller Gewalt erbrach. 🐙🐙🐙

(„Wolf, ich muss dich kurz in den Arm nehmen! Mein Herz ist voller Liebe!“

„Warum?“

„Ja, weil du… *DU* bist!“ 💖)

Ich möchte genauso über mangelnde Bildung und Überforderung von TherapeutInnen schreiben, darüber, welche guten Filme Wolf und ich die Tage sahen, über die gestrige Demonstration in Berlin, den damit zusammenhängenden Gesetzesentwurf (= drittes Be­völ­ke­rungs­schutz­gesetz), über die nähere Zukunft, UND nochmal über Borderlands III, bitteschön. 

… Unmöglich auf einen Rutsch, klar. …

Die Blogverwaltung nimmt ebenfalls Raum ein, zumal ich die dazugehörige E-Mail-Adresse alleine verwalte: Herr Carax ist daran ausnahmsweise nicht beteiligt, obwohl er es sonst bei allem hier ist. 🐱💖🐻

Die 1460 Mails der letzten Woche wollten also auch durchgeguckt werden (= WTF), und unser Anspruch, kontinuierlich Beiträge voller handfester Recherche (oder zumindest voller Herz!) zu bieten, steht ebenfalls unverändert. Gleichzeitig sind wir aber leider beide mit dem Brainfuck bzw. hartem Energietief noch immer gut bedient.

Seht es Herrn Carax/mir/uns also bitte nach, wenn die Reaktionen auf Kommentare etc. länger ausbleiben, als normalerweise. Wir lesen euch, und wir nehmen euch wahr. Keine Sorge. 🙂

So. Wolf und ich haben seit Montag (= Ende des Fastens) in Teilportionen knappe fünf Liter Minestrone weggemacht und mittags zum Kaffee jeweils so einen Salat gegessen: 

Heute gab’s sogar noch LACHS.

Trotzdem blieb unser beider Gewicht jeweils das vom Montag, soll heißen: alles in grünem Bereich. Vorhin dachte ich außerdem, ich erwache in einem Elektroclub mit integriertem Fitnessstudio. 😅 …

Zum Titelthema „Kontrolle“, Freunde. Die liebe Barbara sprach mich darauf an und ich mag antworten. 

In sehr vielen Ratgebern über Essstörungen heißt es, es ginge den Betroffenen um „Kontrolle und Perfektion“ – und ich vermute, die meisten Menschen verbinden eine Essstörung auch generell mit diesen Leitmotiven. Die Richtigkeit dessen will ich nicht bestreiten, weiß jedoch, dass mich persönlich etwas Anderes antrieb. 

Unter den Umständen, unter denen ich aufgewachsen bin (= Einblicke hier und hier), habe ich eine Sache nämlich leider blitzschnell gelernt: ICH KANN GAR NICHTS KONTROLLIEREN. WIRKLICH: GAR NICHTS.

Beginnend beim Verhalten meiner Pflege“eltern“ und endend bei den Typen, die mich in der Schule oder auf offener Straße attackierten, bloß weil ich atmete, lag grundsätzlich *alles* außerhalb meines Einflussbereiches. 

So etwas prägt. In meinem Fall in die Richtung, dass ich die Idee von persönlicher Kontrolle (über Gott weiß was) regelrecht aufgab. Keineswegs resignierend, vielmehr als nicht zu erreichende Illusion

Genauso ist es mit Perfektion. Geht man z.B. nach dem aktuellen Schönheitsleitbild, dann hätte ich mich von Perfektion bereits 1996 bravourös verabschiedet, als ich mir die ersten und bis heute sichtbaren Narben zufügte (= ein weiteres Indiz für mangelndes Perfektionsstreben meinerseits ist übrigens meine Mathenote 😅). 

Kontrolle und Perfektion interessierten mich bei der Essstörung herzlich wenig. Mein Leitmotiv war grundsätzlich Sicherheit

Spinnradl-Sabine sprach in den Kommentaren von: „Anorexie als Kuscheldecke, in die ich mich einhüllen kann, wenn die Welt mich bedroht“.

Ich würde für mich formulieren: „Anorexie als mein ganz eigener, fest abschließbarer Raum.“ 

In diesem Raum habe ich ebensowenig Handlungshoheit über den Bullshit Dritter, wie außerhalb – aber ich bin für den Moment sicher. Zuhause, in einem seelischen Hafen. Die damit verbundene, gefühlte Souveränität hat mir die Welt bedeutet. „Egal, wie sehr ich euch alle eben *NICHT* kontrollieren kann, und egal, was für abgrundtief schlimme Dinge ihr macht… Im Hungern bin ich unverwundbar.“

Zwar habe ich demnach mein Gewicht kontrolliert, klar. Aber dies nie, „um überhaupt irgendetwas zu kontrollieren“ (= gängige Interpretation des Ganzen), sondern, um mir die damit verknüpfte, emotionale Sicherheit zu bewahren.

Hoffentlich war das nun nicht zu abstrakt. In meiner Gefühlswelt liegt jedenfalls ein himmelweiter Unterschied dazwischen, sich Kontrolle zu wünschen, oder aber Sicherheit. Und diese Sicherheit benötige ich zweifelsohne heute noch, wenn auch in fluffiger Light-Version. 

Dazu aber beim nächsten Mal. Ich möchte an die Konsole. Lasst ihr euch nicht ärgern – und auch nicht anstecken! Eigenerfahrungen und Gedanken sind natürlich stets willkommen. 

VVN

P.S.: Essstörung. Fitnessstudio. Sonst noch Wörter mit drei „s“ in Folge? 🤔

15 Kommentare zu „Dünnsein und Kontrolle.

  1. Ich hatte Kontrolle so verstanden, dass kein Einfluss mehr von aussen kam. Ich weiß jetzt aber, was Du meinst. Es war nicht weit entfernt. Viel Spaß an der Konsole, Valentin.
    LG Barbara
    PS: Nussschokolade, Stresssituationen

    Gefällt 3 Personen

    1. Absolut nicht weit entfernt. 😉

      Der Gedankenschritt dahin, dass Kontrolle (für mich als Patient) kein Leitmotiv ist, sondern Sicherheit, hat mir bei meinen ehemaligen Ärzten allerdings stets gefehlt. „Sie wollen offenbar alles kontrollieren.“

      NEIN. WILL ICH NICHT. 🐙

      Ich wollte wenigstens *eine einzige Sache*, die nur mir gehört. Mh. Ich wünschte, das UND VIELES ANDERE wäre damals verstanden worden. Zum Glück gibt es (Menschen wie) Wolf in meinem Leben. 😮

      Habe du einen wundervollen Abend! VVN

      P.S.: oha. Und Nussschokolade hilft sogar noch in Stresssituationen! 😅

      Gefällt 2 Personen

      1. Die Ärztin war ja wohl eine absolute Niete.🤬
        So schön, daß Du jetzt Menschen um Dich hast, denen Du vertrauen kannst.
        Thanks, same to you. .B.
        PS: stümmt😚

        Gefällt 1 Person

  2. Ich komme in diesem Zusammenhang immer wieder auf das Schubladendenken zurück. Irgendwo müssen die Psychotherapeuten ja anfangen … also wird alles eingeordnet, katalogisiert … das mag dann für den Anfang in Ordnung sein. Wird die Diagnose jedoch einfach drübergestülpt und die Therapeuten ziehen ihr Ding so durch, weil sie es nicht besser wissen (wollen), dann verlieren sie ihre Patienten.
    Es gibt bestimmt gute Therapeuten, die ihre eigenen Grenzen kennen – aber die finden, ist nicht einfach.

    Aber mir scheint, dass du dir selbst ganz gut auf die Schliche kommst. In diesem Sinne Viel Spaß an der Konsole 😁
    Grüße aus dem 🕷 🕸

    Gefällt 2 Personen

    1. „Wird die Diagnose jedoch einfach drübergestülpt und die Therapeuten ziehen ihr Ding so durch, weil sie es nicht besser wissen (wollen), dann verlieren sie ihre Patienten.“

      Und das im schlimmsten Fall wortwörtlich. U.A. deshalb finde ich so ein Verhalten auch dermaßen unverantwortlich und beschissen! 💀

      Als ich damals DURCH meinen Gang zu Ärzten und Beratungsstelle direkt *drei* FreundInnen als Vertrauenspersonen verlor, da wollte ich ebenfalls einfach nur sterben. Dass ich es alles bewältigt und bis hierher geschafft hab, ist jedenfalls keiner Therapie zu verdanken. 😒🤔🙄

      Danke für deine Worte, Spaß hatte ich… Mögest du ihn dieses Wochenende auch zu Hauf haben! 😉

      VVN

      Gefällt 1 Person

  3. Ich denke, „Kontrolle“ ist schlicht der falsche Begriff in Deinem Fall.
    Manche mögen das „Essen verweigern“, damit die anderen um sie herum Angst um sie bekommen. Das wäre dann der Versuch, Kontrolle über die anderen zu erlangen, weil die anderen sich Sorgen machen. Das ist aber nur eine Möglichkeit.
    Eine andere wäre: Was ich mir nicht nehme (nicht aufnehme -> esse), kann mir auch kein anderer wegnehmen, mich mit dem Verlust verletzen. Wenn es nichts mehr gibt, was ich brauche, kann ich über nichts mehr „kontrolliert werden“ – durch andere. Mit anderen Worten: Ich entziehe mich der Übergriffigkeit anderer. Alles materielle kann gegen mich verwendet werden, aber mein Geist und meine Gefühle gehören mir, wenn sie nicht mehr an irgendwelcher Materie hängen. Und Essen/Nahrung ist etwas sehr emotionales.
    Eigentlich schade, dass anscheinend kein „Spezialist“ auf einen so einfachen und offensichtlichen Gedanken kommt.
    😳🍀🤗

    Gefällt 2 Personen

    1. Heyhey, mit alldem hast du auf jeden Fall absolut Recht. 🌞

      Und daran sieht man eben auch schon wieder – die Gründe können extrem vielfältig sein, sehr unterschiedlich gelagert, und man sollte eben nie sagen: „Der Patient hat das und das, also funktioniert er so und so, fertig.“ 🤔

      Auch, dass Essen etwas hoch Emotionales ist, stimmt. Wenn Wolf sagt, er isst viel vegan… OHA, fühlen sich da viele Leute direkt in ihrer Lebensweise angegriffen! Oder wenn ich sage: „Ich sehe tunlichst zu, dass ich mir mein Untergewicht bewahre.“ SOFORTIGER NEID von tausend Seiten, und abfällige Kommentare. 😅

      Es ist spannend. Dabei wollen wir doch einfach nur sein.

      Bleibe gesund und bis bald! VVN

      Gefällt 1 Person

    1. Eine Sache, die ich schön und traurig gleichzeitig finde. 🌸

      Übrigens lese ich auch immer gerne bei dir mit! Vielleicht sagte ich es bereits. Aber ein weiteres Mal schadet ja nicht. 😊

      Bleibe stark und frei von Corona! VVN

      Gefällt 1 Person

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