An einem Sonntag im Juni.

Sie waren getrennt. Wie lange schon weiß ich nicht mehr. Ich bin bei Mama geblieben. Papa habe ich regelmäßig am WochenEnde gesehen. Dazu, glaube ich, noch jeden Donnerstag. 

An einem dieser PapaWochenEnden haben wir einen Ausflug gemacht. Ich war acht Jahre alt.

Wir schreiben den 11. Juni 1995. 

Ich erinnere mich:

Viele Menschen. Trubel. Lautstärke. Hektik. Noch mehr Menschen. Lustig angezogen. Gedränge. Krach. 

Gesehen habe ich nicht viel. War zu klein. Ne Mauer stand auch im Weg.

Als nächstes entleeren sich die Tribünen, auf denen wir stehen. Die Leute stürmen auf den Rasen. 

Ich verstehe gar nichts.

Mein erstes FußBallSpiel. 

Hansa Rostock besiegt Hannover 96 mit drei zu null und steht als Aufsteiger in die Bundesliga fest.

Zwei Monate später folgt das nächste Spiel. DienstagAbend. FlutLicht. Borussia Dortmund ist zu Gast. Rubén Sosa bringt sie schnell zwei zu null in Front. Wir gewinnen dennoch. Ich mit meinem ersten Schal. Spätestens ab dem Spiel war es geschehen.

Es folgte die “typische Karriere”. Mal ging ich mit Papa hin. Mal mit Opa. Dann mal mit dem Onkel. Einmal mit Mama. Gegen Bayern. Vortribüne. Genau hinter der Auswechselbank. In der Halbzeit gab es nen Autogramm vom Kaiser. 

Zum Training bin ich. Unterschriften hatte ich von allen.

Irgendwann durfte ich alleine. Also mit Freunden. Das waren Erlebnisse. Erst im alten Stadion. Dann ab 2001 im Umgebauten. Sofort mit Dauerkarte. Immer schon fünf Stunden vor dem Spiel zu Hause los. Mit Trikot. Zylinder. Mindestens sechs Schals. Tröte. Das volle Programm. Dazu noch erste Liga.

Dann habe ich die Dauerkarte gegen einen Platz in der WürstchenBude am FanBlock getauscht. Ich wollte Geld verdienen. Nebenbei ein wenig FußBall schauen. Lief ganz gut. 

Dann der 1. Mai 2004. Meine erste AuswärtsFahrt. Ab nach Dortmund eine vier zu null Klatsche abholen. Ist doch nicht wichtig. Die Fahrt, und alles drumherum, ist wichtig. 

Es folgten etliche dieser Ausflüge. Egal ob Lübeck, Hamburg oder Berlin. Prag, Freiburg oder Burghausen. Zug. Auto. Bus. Transporter. Und nach Næstved mit der Fähre. 

So viel erlebt. Gutes. Schlechtes.

Am 21. Mai 2005 der erste Abstieg. In Dortmund. Natürlich.

Klar sind wir nochmal zurückgekommen. Aber nur kurz. Bis wir uns ab 2013 aufmachten, den zweiten Platz in der ewigen Tabelle der dritten Liga zu erklimmen. 

Mein Herz und meine Liebe was den FußBall angeht, gehört seit eben jenem Sonntag im Juni dem F.C. Hansa Rostock.

Selbst, wenn sich ab 2010 meine Prioritäten verschoben haben. Ich nicht mehr so oft da bin. Auch bedingt durch meinen Wohnort. Es sogar Phasen gab, in denen ich nur noch sehr wenig empfand. Ausgelöst durch sportliches Versagen und absolute Inkompetenz innerhalb des Vereins. 

Danke.

Danke dafür, dass ihr es schafft, in dieser uncoolen Zeit etwas Gutes in mir auszulösen. Extreme Freude und absoluten Stolz. Selbst drei Tage nach einem Sieg gucke ich auf die Tabelle und mein Herz tanzt. Das ist grandios. Weil es sich echt anfühlt. Ihr damit einer Menge an Menschen helft.

Ihr könnt stolz auf euch sein. Macht weiter. Einfach weiter.

Julian Carax

23 Kommentare zu „An einem Sonntag im Juni.

    1. Vielen Dank.

      Ich weiß gar nicht, ob das heute immer noch genauso anfängt. Weiß man das was über die jüngeren FanGenerationen?

      Ansonsten sieht es ja wirklich gut aus für uns. Obwohl ich mir Montag ein Unentschieden gewünscht hätte. 🤣

      JCarax

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      1. Gesichertes weiß man nicht so richtig. Aber „Papa nimmt Sohnemann mit“ ist wohl immer noch in der Regel der Ursprung aller Fanliebe.
        Dann geht es halt sicherlich anders weiter als früher. Aber die jungen Fans werden auch auf ganz anderen Wegen erreicht als wir damals.

        Denkst Du, 1860 schnuppert da nochmal ran? Sieben Punkte müßte man doch ins Ziel kriegen.

        Gefällt 1 Person

  1. Schöner Rückblick – mein erstes (und auch einziges) Fußballbundesligaspiel live im Stadion war Dortmund gegen Stuttgart im Westfalenstadion, Dortmund hat gewonnen und ich muss etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen sein… Ich kann Deine Begeisterung zwar empathisch sehr gut verstehen, bin aber selber gar kein Fußballfan (gucke immer nur bisschen WM & EM). Insgesamt hat der Sport keinen sonderlich hohen Stellenwert bei mir (allenfalls insofern, dass ich 2019 angefangen habe, gegen Philomena Tennis zu spielen bzw. Bälle grob in ihre Richtung zu schlagen 😄)… Aber die Stimmung bei Dir zwischen den Zeilen kommt sehr lebendig rüber! Beste Grüße und viel Fußball-Glück für Deinen Verein!

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  2. Habe eben nachgeschaut, weil mir vorkam, dass ich gehört hatte, dass Kevin Pannewitz (geb. 16.10.1991) am Anfang seiner Karriere bei Hansa Rostock spielte. Er wäre ein Riesentalent gewesen, leider liebte er in jungen Jahren oft Partys mehr als sportlich zu leben. Er hatte auch immer wieder Probleme mit seinem Gewicht. Er war auch beim VfL Wolfsburg unter Magath, aber unter diesem Schleifer behagte es ihm gar nicht, er kam auch nur zwei mal zum Einsatz. Er ging nach einem Jahr wieder. Heute spielt er in einer unteren Liga. Schade, dass er mit seinem Talent nicht mehr daraus machen konnte.
    Hubert

    Gefällt 2 Personen

    1. Kevin Pannewitz ist mittlerweile, glaube ich, bekannter durch die ganzen Dokus über Ihn als für den Fakt, dass er mal ganz gut gekickt hat. Den Gescheiterten. In der einen Doku macht er einen guten Eindruck. Von der Persönlichkeit her. Den Ansichten.

      Ich war quasi live dabei als das in Rostock losging. Hatte auch persönlich mit ihm zu tun. Naja. War abzusehen. „Chroniken eines angekündigten Scheiterns.“

      Wünsche ihm nur das Beste,

      Liebe Grüße.

      JCarax

      Gefällt 1 Person

  3. Wenn das Gute über das Böse siegt, ist die Welt in Ordnung. Ich wäre heute Stolz auf Vereine, denen diese Verantwortung für Sozialisation konsequenter Anlass für Handeln ist.
    Ich kann Deine Perspektive verstehen, weil sie sehr mit Deiner damaligen Lebenssituation verbunden ist. Ich habe es selbst erlebt und der Anlass ins Stadion zu gehen, kann verschieden sein. Eine Mark habe ich übrigens als Stadionordner verdient, außerdem musste ich mich nicht mehr für Karten anstellen.Gerade für die Internationalen, im Grube Stadion.
    Meine Trennung entstand mit der Einsicht, die machen eh was sie wollen. Nähe zu den Spielern, Autogramme hatte ich auch aus erster, direkter Hand, denn das Erholungslager war in Wohnortnähe. Heute bin ich aufgrund der Entwicklung dieses Mannschaftsspiels entsetzt, was Geld alles anrichten kann.
    Wenn nun das Gute dieser Liebe überwiegt, dann lass Dir die bösen Erlebnisse immer Anlass zum Überdenken sein. Auch ich bin Stolz auf Dich. Mach weiter.

    Gefällt 1 Person

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