Eine ernstere Folgefrage.

Thematisch passend zu der Situation mit der häuslichen Gewalt, welche ich an dieser Stelle schilderte, geht mir seit geraumer Zeit eine weitere Frage im Kopf herum…

Wie reagiert ihr, wenn ein Freund oder eine Freundin anfängt, *vermeintlich* heiter davon zu berichten, dass er oder sie

„in der Kindheit ja auch öfters mal einen Satz heiße Ohren oder was mit dem Kochlöffel bekam, aber es, höhö, letztlich offensichtlich nicht geschadet hat“?! 😱

Ich finde es dabei nämlich ebenfalls unfassbar schwer, innere und äußere Ruhe zu bewahren.

Eben in etwa so schwer, wie von Freunden und Freundinnen fröhlich zu hören, dass ihr per Definition zweifellos gewalttätiger Partner schließlich versucht, sich zu bessern, und kürzlich sogar Stullen geschmiert oder andere aufmerksame Dinge getan hat. 😟

Denn die – vermutlich – einzig adäquate Reaktion wäre:

„Boah. Allein die Phrasen ‚ein Satz heiße Ohren‘ und ‚mal was mit Haushaltgegenstand XYZ bekommen‘ sind im Kern derart gewaltverharmlosend und grässlich, dass mir davon übel wird…

Vermutlich haben es deine Eltern früher so formuliert und du hältst das Ganze nun *womöglich* auch für harmlos- Aber persönlich bin ich gottfroh, dass solche Gewalt in der Erziehung, um die es sich hier ganz klar handelt, heutzutage gesetzlich unter Strafe steht:

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

(Nicht, dass diese Gesetzesänderung aus dem Jahre 2001 im gelebten Alltag bislang große Auswirkungen gezeigt hätte, LEIDER. Doch rein für die Gesamteinordnung – „Wie dürfen Eltern und Erziehungsberechtigte mit Kindern umgehen?“ – halte ich den § 1631 BGB für extrem wichtig. 😮)

Diesen Anti-Monolog halte ich in Folge solcher Erzählungen *am Ende* übrigens natürlich?! nicht.

Aber: ich denke ihn.

Gefolgt von diesem NEIN. NEINNEINNEIN 😡

Denn logischerweise wäre ein mitlachendes: „Loool, du hast Recht, es hat dir tatsächlich nicht geschadet!“ in Aussage und Botschaft sowas von komplett falsch und daneben.

Also.

Was tut ihr, wenn jemand (= besonders jemand, der euch viel bedeutet) so etwas erzählt? Lasst ihr die Erzählung dann unkommentiert stehen? Und könnt ihr die jeweiligen Eltern und Familienmitglieder anschließend noch unvoreingenommen betrachten?

Gewalt bleibt schließlich Gewalt, egal, welche Ausmaße und Auswirkungen sie im Endeffekt hatte!

So seh ich’s…

Alles Liebe und lasst euch nicht unterkriegen! 🌸

VVN

P.S.: News von Wolf und Herrn Carax und „uns“ folgen später noch. Jetzt wollt ich zunächst diese Frage(n) rausballern.

13 Kommentare zu „Eine ernstere Folgefrage.

  1. Hm.
    Kommt darauf an, wer das wie sagt. Wenn wir die Leute kennen und wissen, dass “haha war aber nicht so schlimm” deren Hauptcopingmechanismus ist (… schuldig im Sinne der Anklage *hust), ordnen wir das Erzählte “nur” ein. Also – “das ist aber Gewalt”, oder “das zählt als Kindesmisshandlung”, oder oder. Auf das “Hat mir aber nicht geschadet” gehen wir dann nicht ein (oder, je nach Level an Freundschaft, kommt dann ein “ah ok. Deswegen bist du auch in Therapie/etc :D”).
    Wenn jemand das “hat aber nicht geschadet!!” als Argument nutzen würde, dass das wirklich “allgemein” gar nicht so schlimm ist, und es offensichtlich kein Schutzmechanismus ist… Käme von uns vermutlich ein “Dir vielleicht nicht, ODER du nimmst es nicht so wahr – ohne wäre trotzdem besser gewesen.” Plus höfliches Einordnen in “das ist Gewalt” etc.

    Und zu den beschriebenen Personen, die gewalttätig gehandelt haben… Wir beziehen bei so was *immer* den Kontext ein. (Dazu zählt auch, wie “das Opfer” möchte, wie man mit der Person umgeht. Wir können das dann… äh. sehr gut trennen. Dissoziation olé lol)
    Wichtigstes Kriterium ist für uns persönlich allerdings, wie die Person, die Gewalt ausgeübt hat, *heute* darüber denkt und (!) ob sie in der Gegenwart anders handeln würde/kann. Wieviel Reflexion ist da, wieviel “Ich mach das anders/Ich WILL das anders machen”, etc. Bis dahin… joah. Vorsichtige Distanz, oder so ähnlich…

    Spaannend. So was wie “das ist gewaltverherrlichend etc” würden wir zB nie sagen, weil wir dann Schiss hätten, dass das Gegenüber sofort in Abwehrhaltung geht und dann GAR NIX mehr ankommt 😀

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  2. Ich antworte in der Regel, dass ich solches nie besonders lustig fand und jede Ohrfeige als unglaubliche Demütigung empfunden habe, die ich meinen Kindern nicht angetan habe. Oft sagen ja Eltern, die selbst mal „züchtigen“, dass es ihnen auch nicht geschadet habe, was durch ihr Handeln schon widerlegt ist. Da werde ich auch richtig sauer und deutlich.
    Ganz schlimm finde ich auch Liebesentzug sowie tagelanges Schweigen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Hmmm… ich finde diese Verharmlosung von als Kind erfahrener Gewalt als Außenstehender nicht gut und würde das auch irgendwie artikulieren. Wenn es demjenigen aber subjektiv nutzt, dieses Erlebte hinter sich zu lassen durch solche Formulierung… ist es zähneknirschend….
    Viel viel wichtiger finde ich, das derjenige diese Gewalt nicht weiter vererbt und seinen Kids nicht das zufügt, was ihm angeblich nicht geschadet haben soll.

    Während ich das schreibe, bin ich einmal mehr froh, so etwas als Kind nicht erlebt haben zu müssen. Bei uns gab es sowas schlichtweg nicht. Auch gerade, weil meine Eltern es anders machen wollten als sie es in ihrer Kinderzeit erfahren hatten.

    Ganz lieben Gruß!

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  4. Ich würde die Form der Aussage – der fröhliche Tonfall und das „es hat ja nicht geschadet“ – schlichtweg ignorieren. Für mich ist als erstes der Kern der Aussage wichtig: „Ich wurde als Kind bzw. werde geschlagen.“ Eine Situation, an der ich erstmal nichts ändern kann – weder mit Aggression noch mit sonstigem Handeln. Meine Wahrheit dabei ist: Es macht mich unendlich traurig, dass es sowas gibt (habe ich auf verschiedene Arten auch selbst erlebt). Und diese Trauer zeige ich auch offen und kommunizierte sie an die Betroffenen. Ich be- oder verurteile nichts dabei. Wer Täter und wer Opfer ist, wer welche Schuld trägt durch welches Verhalten: alles nicht wichtig. Für mich ist nur das Mitgefühl wichtig: In diesem Falle Trauer – Trauer darüber, dass es sowas gibt und dass ich nichts daran ändern kann – weil es meine Wahrheit ist.
    (Sollte mein Gegenüber mich dann versuchen zu trösten, im Sinne von: „Ist doch alles nicht so schlimm“, wäre meine einzige Frage, ob mein Gegenüber mit der Gewalt glücklich ist? Wenn ja, habe ich etwas nicht verstanden.)
    🍀💚🌈

    Gefällt 1 Person

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