Dünnsein und Sicherheit.

Nach Dünnsein und Kontrolle folgt heute ein weiterer lustiger Teil von: „Wie Valentin die Welt sieht“. Es gibt Updates, Einhörner und ein paar explizite Inhalte… Achtung, Geficke!, wie Herr Carax sagen würde. Hat eigentlich noch jemand Gedanken dazu? 🤔

Vorgeplänkel Ende. Der Wolf und ich haben gestern zum ersten Mal seit Fastenende vergangenen Montag wieder Süßkram gegessen. Er zwar nur eine Handvoll, und ich exakt fünf Stückchen, zwei davon Regenbögen, aber es musste sein. Ich meine… Da bleiben doch keine Fragen offen, oder? 😅

Sie schmecken auch bunt! 😻

In meinem Herzen ist es ähnlich regenbogig, und das nicht zuletzt deshalb, weil es so scheißen-schön ist, einen solidarischen, interessierten, wissbegierigen Menschen (= wie Wolf) an seiner Seite zu haben. Jemanden, der zudem nicht nur in gängigen Mustern denkt! 

Im Bezug auf Essstörungen (= und viele andere Süchte) lautet das gängige Denkmuster leider oft: erstmal die Symptome ausmerzen, dann läuft’s schon. … Ja, rückwärts und bergab!, aber: es läuft. 🙄

Dabei hat eine Sucht in den allermeisten Fällen eine Funktion, und oftmals ist diese Funktion sogar überlebenssichernd. Das plakativste Eigenbeispiel, das mir einfällt, ist, dass ich mich bisher (= den zweiten Suizidversuch 1996 ausgenommen) nicht deshalb selbst verletzt habe, um mich umzubringen, sondern um es eben *NICHT* zu tun. Die Alternative zu den jeweiligen Schnittverletzungen wäre grundsätzlich weitaus schlimmer gewesen. 

Was Selbstverletzung angeht, so bin ich heute weitestgehend raus aus dem Sumpf (= Wolfs alleinige Gegenwart lässt jedes Bedürfnis danach verschwinden und bisher verlief mein ganzes Jahr ohne Suizidgedanken)… Und auch die Anorexie und ich leben – wie ihr wisst – in ruhiger Co-Existenz, KEINER „professionellen“ Hilfe von Außen sei Dank. 🐙💀🐙

Es ist also nichts mehr akut, das kann ich reinen Herzens sagen. 

In meinem gesamten (Ess-)Verhalten bin ich offenkundig schon lange nicht mehr lebensverneinend unterwegs, und stehe auch nicht unter dem Joch selbst aufgedrückter Verbote, siehe Brisket und Piña Colada mit Sahne *UND* Kokosmilch– 😆

Denn: ich möchte gern EIN LEBEN, bitte sehr!

Eins, das nicht bloß ein Überleben ist, und das *trotz* des Konglomerats an Gewalterfahrungen und unschönster Erinnerungen in ungelegensten Momenten! Und was mir dabei hilft, ist nicht zuletzt das Verharren im Untergewicht, womit der Bogen zur Überschrift geschlagen wäre. 

Ich sprach davon, diese mit dem Dünnsein verknüpfte Sicherheit bis zum heutigen Tage zu brauchen: also gibt es einen Gewichtsbereich, den ich nach Möglichkeit nicht verlasse.

Unterschied zu früher ist, dass für mich keine Welt mehr zusammenbricht, wenn ich die Obergrenze doch kurz geringfügig überschreite, weil mir tolles Essen zubereitet wurde, und dass es nicht immer weniger und *NOCH* weniger werden muss- (!) 

Trotzdem halte ich im Großen und Ganzen überzeugt an diesem Gewichtsbereich fest – weil ich mich gut mit ihm fühle. Sehr nahe an mir selbst, und nahe am Idealbild von dem, wie ich sein (und aussehen) möchte. Mein Bestreben ist nicht, „endlich zufrieden mit mir“ zu sein..! Es ist das Bestreben, meine Zufriedenheit mit mir selbst GFÄLLIGST ZU ERHALTEN.

Und weshalb das so wichtig ist, hat 90%ig mit Sex zu tun. 😅 

Wie ihr ebenfalls wisst, spielen Wolf und ich u.A. gerne mit Seilen und Gerten und Skalpellen herum. In unser beider Haushalt stehen Kisten voll mit derartigem Equipment, und ich bin gottfroh, in Wolf eine Vertrauensperson gefunden zu haben, mit der ich diese Art von Sexualität leben kann. Eine Person, mit der ich das alles wirklich will – mit der es nicht nur „irgendwie möglich“ ist, sondern sogar äußerst Spaß macht! Austesten, Ausprobieren, Neuentdecken… 

Bevor ich Wolf kannte: undenkbar

Aber trotz dieser höchst fluffig-romantischen Bilanz bin und bleibe ich ein Betroffener von sexualisierter Gewalt, die bereits in meinem ersten Lebensjahr begonnen hat. So sieht es leider aus, und ich bin nie komplett geschützt vor Flashbacks und Brainfuck-Deluxe. 

Bereits bei „einfachsten“ Berührungen im sexuellen Kontext kann es schon höchst tricky werden- Aber wenn ihr euch vorstellt, dass Wolf und ich eben zusätzlich mit Fesselungen, „Machtlosigkeit“, Sinnesentzug und körperlich lange sichtbaren Verletzungen arbeiten (= höhere Stufe), zudem evtl. mit dritten Beteiligten (= noch höhere Stufe) und im allerdollsten Fall vor weiterem Publikum (= höchste Stufe, superheikel, wie Extremsport!)… Dann *MUSS* ich mich verdammt nochmal krass sicher, gefestigt und gut innerhalb meines kleinen Körpers fühlen! 

Ist das nicht gewährleistet, wird aus einem: „Fuck, ich fühl mich unwohl!“ schnell ein: „Ich fühl mich unwohl, es soll aufhören!“ und daraus: „Es hat nur eine Zehntelsekunde zu lange nicht aufgehört, und die war schon zu viel.“ Was logischerweise in einem ultimativ beschissenen Mentalzustand enden kann, den kein Mensch braucht.

Und so achtsam, verantwortungsbewusst und in die Materie eingeweiht Wolf auch ist… Selbst *er* kann bei einem mentalen Absturz meinerseits nicht in Zehntelsekundenschnelle alle Seile/Kabelbinder/Folien durchtrennen, mögliche Dritte wegschicken, mich beschützend in die Arme schließen und mir einen Kakao kochen (= obwohl er das selbstredend tun würde bzw. tut). 

Ich muss genauso gut auf mich – und uns – achtgeben, und Verantwortungswusstsein im BDSM-Bereich ist absolut keine Einbahnstraße! Ich habe selbst zu 50% Anteil daran, (mental) so sicher und gefestigt zu spielen, wie irgend möglich. 

Klar ist, dass ich meine Geschichte nicht ändern kann. Klar ist gleichfalls, dass ich *immer* mal wieder Angstattacken und Flashbacks (in und außerhalb eines sexuellen Kontextes) haben werde. Aber bringt mich mein Untergewicht in größtmöglichen Abstand zu solchen Mentalvollchrashes – und somit in größtmögliche Sicherheit – dann bleibe ich verflucht nochmal dort.

Das Spielen und diese Form von Sexualität mit Wolf aufzugeben kommt nämlich nicht in Frage! Denn dann wäre es wieder lediglich „überleben“ für mich. Dabei will ich Wolf, und mich selbst, und alles. 💖

Bis Dienstag, ihr Lieben! Und, hui, hoffentlich war das ebenfalls wieder nachvollziehbar.

VVN 

P.S.: seit vorgestern hab ich einen Dauerohrwurm von Paul van Dyk: „Eternity“. Während ich diesen Beitrag schrieb, lief allerdings sein neuestes Album Guiding Light

25 Kommentare zu „Dünnsein und Sicherheit.

  1. Alles absolut nachvollziehbar. Ihr habt schon eine coole Beziehung.
    Aber was wäre, wenn Wolf sich von Dir wünschen würde, dass Dein Gewicht höher wäre……. rein theoretisch….. Liebe Grüße, B.

    Gefällt 3 Personen

    1. Dankeschön, liebe Barbara! Ich wiederhole mich da, aber ich bin äußerst dankbar dafür, dass Wolf mich gefunden hat. Und zwar jeden einzelnen Tag. 💖

      Zu deiner rein theoretischen Frage- Vom jetzigen Stand aus würde es schlichtweg nicht passieren. Würde mein BMI unter eine gewisse Schwelle sinken, würde er sicherlich sagen: „Jetzt iss bitte wieder mehr.“

      Aber den Rest der Zeit würde er mich nie zwingen, etwas mit meinem Körper zu tun, was ich nicht will, weil er weiß, dass *sowieso* schon viel zu viel mit meinem Körper passiert ist, was ich nicht wollte. 🐙

      Demnach unterstützt er mich auch darin, in meinem Wohlfühlbereich zu bleiben. Zumal er natürlich möchte, dass ich mich in unserem körperlichen Zusammensein möglichst angstfrei und uneingeschränkt fallen lassen kann. Hm.

      Hab einen grandios-gesunden Montag! VVN

      Gefällt 3 Personen

  2. Wenn du dich in diesem Bereich am sichersten fühlt ist es auch richtig.
    Nur überleben ist wirklich keine Option, wenn du auch die Möglichkeit auf Leben hast. Und du machst das toll. Und mit deiner Vergangenheit ist das keine Selbstverständlichkeit.
    Mit Wolf an deiner Seite mit allem drum und dran und Julian an der anderen. Du erfährst Liebe und Freundschaft von vielen Seiten und das ist sehr schön.
    Das dich deine Vergangenheit immer wieder einholt macht mich sehr traurig. Aber dann denke ich an deine Beiträge und sehe deine unbändige Lebensfreude und Kraft.
    Ich kann immer wieder nur den Hut vor dir ziehen.
    Wünsche dir einen schönen Abend lieber Valentin
    Viele Grüße Sandra

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Sandra, danke dir auch heute für deinen bestärkenden, ausführlichen Kommentar! 🌞

      Wie du sehr richtig sagst, ist „nur überleben“ in der Tat keine Option (für mich). Das kann es nämlich wirklich nicht sein, denk ich mir! So schwer es häufig ist. 😟

      Bitte passe du ebenfalls weiter auf dich auf. Am Ende des Tages können wir ohnehin nur das tun: weitermachen, so gut es unsere Kräfte eben hergeben.

      Bis bald und genieß deinen Restmontag!

      VVN

      Gefällt 2 Personen

    1. Wow. Das war bestimmt eine ganz wunderbare Erfahrung! 😀

      Ich muss unbedingt noch seine Biographie lesen. Und kann dir die Serie „White Lines“ auf Netflix ans Herz legen, sofern du sie noch nicht kennst. 😉

      Alles Liebe! VVN

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, das war es. Ich war dort vor ca. 6 Jahren mit meiner Cousine, der diese ganze Musikform gar kein Begriff war. Doch ich war durch einen Sohn, der selber House und Trance machte, dafür sensibilisiert. Überhaupt bin ich guter Musik in jeder Form gegenüber offen und nicht limitiert. Richtig begeistern konnte ich sie nicht, was aber meiner Freude keinen Abbruch tat.
        Und die Serie kenne ich. Gefällt mir sehr.

        Gefällt 1 Person

      2. „Überhaupt bin ich guter Musik in jeder Form gegenüber offen und nicht limitiert“… Das sehe ich genauso! Sonst würde man auch so viel Schönes verpassen! 🌞

        Herzlichste Abendgrüße! VVN

        Liken

  3. Mein inneres Bild zu deinem Text ist – jeder Mensch erfährt im Laufe seines Lebens Narben an Körper und Seele. Manche mehr und manche weniger. Und es gibt viele Möglichkeiten damit umzugehen.
    Sie ignorieren, sie für den Rest des Lebens beweinen, versuchen, mit ihnen zu leben …

    Ich kann mehr schlecht als recht mit ihnen leben – ich kann sie aber auch anschauen und kreativ und liebevoll mit ihnen umgehen.
    Denn eine Narbe wird immer in der einen oder anderen Form eine Art Verspannung, vielleicht sogar Schmerz verursachen. Das Letzte, was sie wahrscheinlich mag, das ist in ihr herumzubohren.
    Ich für meinen Teil schaue mir meine Seelen-Narben an, ohne in Klagen zu verfallen. Es gab eine Zeit, in der ich solch eine „Narben-Verspannung“ mit einer Essstörung zu verhüllen suchte (allerdings wurde mir das erst im Nachhinein klar). Jetzt wo ich darüber weiß, kann ich besser damit umgehen und mich auf meine Weise schützen und pflegen.

    Sieht aus, als hättest du deine eigene Form der Narbenpflege gefunden – deinen eigenen Weg zu dir selbst.

    In diesem Sinne wünscht dir eine angenehme Woche
    Sabine vom 🕷 🕸

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Sabine, auch dir eine äußerst angenehme Woche! 🌸

      Es stimmt, wenn man seine ganz eigene, persönliche Art gefunden hat, mit den eigenen Narben zu leben, dann ist damit bereits ein fundamentaler Schritt getan. Und diesen Schritt kann man letztlich nur selber gehen: im eigenen Tempo und ohne jegliches Geschubse von Außen. 🙄

      Ich wünsche dir, dass du deinen Weg in diesem Sinne ebenfalls frei und selbstbestimmt weiterverfolgen kannst. Es ist so wichtig, gut zu sich selbst zu sein und auf die eigenen Instinkte zu hören. 🙂

      Bleib gesund, alles Gute! VVN

      Gefällt 1 Person

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